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»Das private Wohnhaus ist für die heroische Moderne des 20. Jahrhunderts der Ort, an dem sich ihre utopischen Denkmodelle zum ersten Mal in die Praxis umsetzen lassen – ein Spiel- und Experimentierfeld, wo neue Ansätze sich, im kleinen Maßstab zwar, doch mit radikalem Anspruch ins Werk setzen. Frank Loyd Wright, Rietveld, Le Corbusier, selbst Melnikov finden hier, wo Bauen und Leben aufs engste verzahnt sind, den geeigneten Raum, ihren visionären Konzepten plastische Wirklichkeit zu verleihen.

In melancholischer, wohl auch ironischer Distanz zu solchem heroischen Pathos, doch vor dem Hintergrund dieser Tradition, versteht der Architekt Fritz Barth das Haus, das er für sich in seinem Heimatort Fellbach erbaut hat, als ein Experiment, den Zustand des Bauens unter den Bedingungen des beginnenden 21. Jahrhunderts zu bestimmen – nicht im Sinne dessen, was als Erweiterung des architektonischen Repertoires sich anzubieten scheint (eine, wie er meint, zunehmend rhetorisierte Zukunftsfreudigkeit, der er miß-traut), sondern als ein Versuch, herauszufinden, was in der Architektur noch möglich ist, und inwieweit sie ein Wohnen, im Heideggerschen Sinne, noch zuläßt.

Das Ergebnis ist nun keinesfalls rückwärtsgewandte Heimseligkeit, sondern ein Bauwerk, das sich, als Bekenntnis zum Architektonischen, wie wenige andere an seinem Ort und in seiner Zeit zu behaupten vermag. Dies nicht zuletzt, weil sich seine Vielschichtigkeit, das komplexe, üppig wuchernde Gewebe aus Anspielungen, Bezügen und Zitaten, erst allmählich und bei eingehender Betrachtung hinter der einfachen, auf die Direktheit des Erlebens und der Architektur gerichteten Erscheinung erschließen läßt. Tatsächlich erfährt man das Haus, ungeachtet einer gewissen polemischen Attitüde seines Erbauers und Bewohners, nicht als gebautes Manifest. Es ist, und hierin besteht seine Radikalität, dem Wohnen als einem Unmittelbaren verpflichtet, indem es, wie Thomas Hettche in seinem Essay meint, keinen Gegensatz von Oberfläche und Funktion, von Erleben und Leben anerkennt.«