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In ihrer befremdlichen, noch nach einem halben Jahrtausend spekulativ und experimentell anmutenden Zeichenhaftigkeit markieren die gegen Ende des quattro-cento entstandenen Festungsanlagen des Francesco di Giorgio Martini ein Extrem der europäischen Architekturgeschichte, angesiedelt in einem Bereich, wo die Grenzlinie zwischen Architektur und der reinen Plastizität der Skulptur nicht mehr scharf zu ziehen ist. Die in diesem Buch vorgestellten phantastischen Gebilde konnten auf dem Nährboden einer besonderen, prekären historischen Situation entstehen: die Einführung der Feuerwaffen im 14. und ihre allgemeine Verbreitung im 15. Jahrhundert hatten zu einer vollständigen Überlegenheit der Offensive geführt, auf die die Verteidigungs-anlagen auf längere Sicht keine brauchbare Antwort bereit hatten. So ist insbesondere die Zeit zwischen 1450 und 1520 gekennzeichnet durch Unsicherheit, tastende Versuche und kühnes Experimentieren.

Das Experiment ist hier die eigentliche Domäne des aus Siena gebürtigen Francesco di Giorgio Martini (1439-1502), einer der vielseitigen Künstlerpersönlichkeiten, wie sie das quattrocento hervorbrachte. Hauptsächlich in Urbino im fruchtbaren Umfeld des Federico da Montefeltro tätig, hinterließ er ein Œuvre, das sich von der Malerei (die drei berühmten Stadtansichten in Berlin, Baltimore und Urbino werden ihm zugeschrieben) über die Plastik (wo vor allem seine grandiosen Reliefs zu nennen sind) bis zur Architektur erstreckt – hier ist er die herausragende Figur zwischen Alberti und Bramante. Keine geringere Beachtung verdienen die Leistungen auf dem Gebiet des Ingenieurwesens, wo ihn seine elaborierten Maschinenentwürfe als unmittelbaren Vorläufer Leonardos ausweisen, von nicht geringem Einfluß auf diesen. Ein uomo universale der Renaissance also, weniger indes im humanistischen Sinne als in umfassend tätiger Künstlerschaft.

In seiner sakralen und zivilen Baukunst zu klassizistischer Strenge neigend, vermittelt Francesco in den Festungsbauten den Eindruck, als habe er hier, weit über alle funktionale Gebundenheit hinaus, die Neuheit der Aufgabe, das Fehlen probater technischer Lösungen und den Wegfall der typologischen Bindungen genutzt, um in diesem Freiraum seine Architekturphantasien als Apotheose des Neuen, Ungekannten, Befremdlichen ins Werk zu setzen – und vielleicht zu inszenieren.

Dieses Buch unternimmt den Versuch, sich dem diesen Bauwerken eigentümlichen pathetischen Zeichencharakter anzunähern, und es befaßt sich mit der Frage, welche Strategie der Formfindung auf eine Bauaufgabe angewandt werden kann, für die es kein Vorbild gibt.