zurück zu Bücher

Zwischen Gotik und Barock

Der böhmische Architekt Johann Blasius Santini Aichel


Von Hubertus Adam



Die Wallfahrtskirche des heiligen Nepomuk auf dem Grünen Berg bei Žd'ár nad Sázavou in Mähren (1719-1722) ist eines der eindrucksvollsten Baudenkmäler der abendländischen Baugeschichte. Umgeben von einem weitläufigen zehneckigen Umgang, erhebt sich die Kirche als Zentralbau über einem aus Spitzbögen gefügten fünfeckigen Stern. Die Detailformen, auch die Fenster, sind der Gotik verpflichtet, doch die Komposition der Baukörper zeigt sich barock. Fern scheint gleichwohl der plastische Überschwang, wie man ihn mit dem Barock verbindet, fern ist die Opulenz schwellender Formen: Wie mit dem Messer gezogen wirken die Kanten.

In die Kunstgeschichte eingegangen sind die Wallfahrtskirche auf dem Grünen Berg und ihr Architekt Johann Blasius Santini Aichel unter dem Stichwort der Barockgotik, einer Variante des Barock, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Böhmen Verbreitung fand. Santini, Enkel eines aus dem Luganese zugewanderten Steinmetzen, wurde 1677 in Prag geboren und konnte seine ersten eigenständigen Werke um 1700 realisieren. Folgt man dem massgeblichen, von fragwürdigen Zuschreibungen befreiten Œuvre-katalog, den Mojmír Horyna 1998 vorlegte, so entstanden bis zu Santinis frühem Tod im Jahre 1723 insgesamt 80 Bauten – Kirchen und Kapellen, aber auch Paläste und Funktionsgebäude. Wichtigste Auftraggeber waren zunächst die alten böhmischen Klöster der Benediktiner, Prämonstratenser oder Zisterzienser, die im Zuge der Gegenreformationen ihre zerstörten oder baufällig gewordenen Kirchen erneuern liessen. Musste Santini hier einen Umgang mit vorhandener Bausubstanz aus der Gotik finden, so schuf er in den freien Arbeiten – vor allem Wallfahrtskirchen und Gnaden-kapellen – eine stets anders zusammengesetzte Legierung aus Gotik und Barock. Mit seinem Tod endete die böh­misch-mährische Barockgotik; anders als die ebenfalls im tschechischen Raum tätigen Christoph und Kilian Ignaz Dientzenhofer, welche Guarino Guarinis kühne Raumverschneidungen adaptierten, hatte Santinis eigen-williger Stil keine Nachfolger.

Gleichwohl geht von seinen Bauten auch heute noch eine unmittelbare Faszination aus. Als um 1910 in Tschechien der architektonische Kubismus zum Ausdruck der Avantgarde avancierte, bezog man sich nicht nur auf Picassos Formzersplitterungen, sondern besann sich auch auf Santini. Und Fritz Barth, dem Autor eines nun vorliegenden opulenten Werks über Santini, gilt die Wallfahrtskirche auf dem Grünen Berg aufgrund von stilistischer Hybridisierung, Fragmentierung, Uneindeutigkeit und Mehrfachkodierung als »präziseste Explizierung jener Komplexität, die den Bogen vom Barock zum Poststrukturalismus des späten 20. Jahrhunderts schlägt«.

Fritz Barth, ausgebildeter Architekt, legt mit seiner Santini-Monographie keine kunstwissenschaftliche Arbeit im engeren Sinne vor. Es geht nicht um Zu- oder Abschreibungen von Werken, nicht um Details der Biografie, nicht um Bauforschung. Vielmehr nähert sich der Autor zehn Hauptwerken des Architekten durch die Beschreibung dessen, was man sieht. Dieser phänomenologische Einstieg ist überzeugend, weil Barth dank einer guten Stilistik und einem exzellenten Tafelteil auch Leser, die Santinis Werke nicht aus der eigenen Anschauung kennen, anzusprechen vermag. In seinen monographischen Kapiteln gelingt es ihm, Santinis Leistung und Eigenständigkeit anschaulich zu demonstrieren, ohne ihn indes als Genius zu heroisieren. Dass der Architekt nicht autochthon agierte, sondern sich sowohl die Tradition anverwandelte als auch – nicht zuletzt dank einer längeren Italien-Reise – mit den zeitgenössischen Architekturtendenzen vertraut war, führt Barth in thematischen Kapiteln aus, die den monographischen jeweils folgen.

Im ersten Kapitel beispielsweise wird eine der ersten Kirchenwiederherstellungen präsentiert, die der Zisterzienserabtei Sedlec bei Kutna Hora (1703-08). Barth widmet sich besonders der von Santini hinzugefügten Vorhalle sowie den erkennbar nichttragenden Gewölberippen des Hauptschiffs, die der Kritiker Werner Hegemann einmal als »wilde Lassowürfe über den Raumschacht« bezeichnete. In einer konzisen »Abschweifung« widmet sich der Autor der Gotik-Rezeption Santinis und grenzt dessen bizarr übertriebene Anwendung des Repertoires ab von einer romantischen Position, die wenig später für das Gothic Revival in England charakteristisch werden sollte, und zudem von der Jesuitengotik, die sich im Zuge der Gegenreformation etabliert hatte. Auch in Böhmen bedeutete der Rückgriff auf die Gotik die Revitalisierung eines Stils, der vor den Glaubenskriegen, die das Land entzweiten, geherrscht hatte. Doch gelang Santini die »Reanimierung der Gotik aus dem Geist des Barock«. – Andere Exkurse gelten etwa dem Manierismus, der Geometrie, der paradoxen Raumkonfiguration, der Lichtführung oder dem fünfeckigen Grundriss und behandeln damit Aspekte, die es erlauben, Santinis Œuvre schärfer zu fokussieren.

Kontraste und Fragmente, kristallinische Zersplitterungen und additive Collagen prägen die Bauten des Architekten. Der Verzicht auf Einheitlichkeit ist charakteristisch, Barth parallelisiert sie hinsichtlich ihrer Rhetorik mit den Schriften von Johann Fischart. Und es ist kein Zufall, dass der Text mit einem Zitat von Arno Schmidt endet: »Niemand kann, auch in mühevollst-umfassendsten Studien nicht, die Denkweise eines fernen Jahrhunderts nachvollziehen. Er mag sich so ‹feinsinnig› und ‹mitfühlend› gerieren, wie er will.« Tatsächlich wäre es gemäss Barth denkbar, dass Santinis Architektur den Zeitgenossen keineswegs so bizarr und eigenwillig vorgekommen ist wie uns heutigen Betrachtern.


Neue Zürcher Zeitung, 15. Februar 2005